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Dämmung: Die Idee der „atmenden Wand“ ist falsch

Schimmel in Wohnräumen zählt zu den häufigsten Bauschäden in Deutschland. Er zeigt sich in dunklen Flecken an Wänden oder Decken, oft begleitet von einem muffigen Geruch. Laut Umweltbundesamt können Schimmelsporen und deren Stoffwechselprodukte über die Atemluft aufgenommen werden und allergische oder reizende Reaktionen auslösen. Dennoch sind Ursachen und Risiken vielen Menschen unklar – und hartnäckige Mythen halten sich bis heute.

Einer der größten Irrtümer: Wärmedämmung verhindere das „Atmen“ von Wänden und fördere dadurch Schimmel. Diese Vorstellung hält sich seit dem 19. Jahrhundert – wissenschaftlich haltbar ist sie nicht.

Der Mythos geht auf ein Experiment des Hygienikers Max von Pettenkofer aus dem Jahr 1858 zurück. Er glaubte, die Wandoberflächen eines Ziegelbaus könnten Luft und Feuchtigkeit austauschen. Heute gilt als gesichert: Pettenkofer übersah, dass die Luft im untersuchten Raum weiterhin über den Ofenabzug und vermutlich über eine undichte Decke ausgetauscht wurde.

Erst später zeigte der Physiker Ernst Raisch, dass der Luftwechsel in Wohnräumen nicht über Wandflächen, sondern ausschließlich durch Öffnungen wie Fenster, Türen oder Lüftungsanlagen stattfindet.

Das Informationsprogramm „Zukunft Altbau“ des Umweltministeriums Baden-Württemberg bringt es auf den Punkt:
„Wenn eine Wand Luft durchlässt, ist sie baufällig.“
Ein relevanter Feuchtigkeitsaustausch über die Wandoberfläche findet bei intakten Gebäuden schlicht nicht statt – unabhängig davon, ob eine Dämmung vorhanden ist.

Wie Schimmel tatsächlich entsteht

Die Hauptursachen für Schimmel sind:

  • hohe Luftfeuchtigkeit in Innenräumen,
  • unzureichendes Lüften,
  • Wärmebrücken oder bauliche Schäden,
  • Baufeuchte in Neubauten,
  • kühle Wandoberflächen, an denen sich Feuchtigkeit niederschlagen kann.

Nicht die Dämmung ist also das Problem – im Gegenteil. Eine fachgerecht ausgeführte Außenwanddämmung erhöht die Temperatur der Wandoberfläche. Dadurch kondensiert weniger Feuchtigkeit, und das Risiko von Schimmel sinkt erheblich. Fachportale wie „Energie-Fachberater“ und das Umweltbundesamt weisen darauf hin, dass Dämmung Schimmelbildung vorbeugen kann, solange keine baulichen Undichtigkeiten oder konstruktive Fehler vorliegen.

Die Rolle des Lüftens – und wann Schimmel trotz Dämmung auftritt

Regelmäßiger Luftaustausch ist der wichtigste Faktor. Das Umweltbundesamt empfiehlt, die Fenster mehrmals täglich für einige Minuten weit zu öffnen, um überschüssige Feuchtigkeit aus den Räumen abzuführen. Die konkreten Lüftungsintervalle hängen jedoch vom Nutzungsverhalten, vom Gebäudealter und vom Raumvolumen ab – eine starre 5-bis-10-Minuten-Regel gilt nicht immer.

Besonders relevant ist das in:

  • Altbauten mit fehlender oder schlechter Dämmung,
  • Neubauten, die noch Baufeuchte enthalten,
  • sehr dicht gebauten Häusern ohne automatische Lüftung.

In solchen Fällen kann Schimmel trotz guter Dämmung entstehen, wenn der Luftaustausch nicht gewährleistet ist.

Eine Lüftungsanlage – ob zentral oder dezentral – kann hier dauerhaft helfen und sorgt für einen kontrollierten Abtransport feuchter Innenluft.

Schimmel vorbeugen – mit realistischer Erwartung

Insgesamt zeigt die Forschung eindeutig:

  • Wände „atmen“ nicht.
  • Wärmedämmung verursacht keinen Schimmel – sie erschwert ihn sogar.
  • Schimmel entsteht durch Feuchte, nicht durch Dämmung.
  • Richtiges Lüften und eine fachgerechte Bauausführung sind entscheidend.

Dämmung, Lüften und ein funktionierendes Heizverhalten gehören zusammen. Wird ein Bauteil unsachgemäß gedämmt oder eine Wärmebrücke übersehen, kann das Problem auch in gedämmten Häusern auftreten. Das bestätigt die Praxis der Energieberatung ebenso wie das Umweltbundesamt.

Der Mythos der atmenden Wand ist historisch – aber längst widerlegt. Schimmel entsteht nicht, weil Außenwände gedämmt sind, sondern weil Feuchtigkeit im Raum bleibt oder konstruktive Schwachstellen bestehen. Eine fachgerechte Dämmung erhöht die Wandtemperaturen und senkt das Risiko für Kondenswasser deutlich. In Kombination mit regelmäßigem Lüften – oder einer geeigneten Lüftungsanlage – lässt sich Schimmelbildung in Alt- wie Neubauten nachhaltig verhindern.

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