Wer in einem Altbau hinter einer unscheinbaren Tür eine schmale, steile Treppe entdeckt, die irgendwo zwischen Küche, Hof und Hinterzimmern verschwindet, ist nicht selten auf ein Relikt aus einer Zeit gestoßen, in der eine Wohnung auch eine soziale Ordnung hatte. Die sogenannte Dienstbotentreppe oder der Dienstbotenaufgang war kein architektonischer Luxus, sondern hatte eine sehr praktische Funktion.
Hauspersonal sollte arbeiten können, ohne ständig durch die repräsentativen Räume der Herrschaften gehen zu müssen.
Solche Treppen sind heute vor allem in Gründerzeit- und wilhelminischen Bauten erhalten, besonders in größeren bürgerlichen Mietshäusern und herrschaftlichen Stadtwohnungen. In Berlin sind zahlreiche Beispiele dokumentiert. Das Landesdenkmalamt beschreibt etwa Mietshäuser, in denen Küchen, Wirtschaftsräume und Mädchenkammern über eine separate Dienstbotentreppe erschlossen wurden. In einem anderen Berliner Haus führte sogar eine schmale Wendeltreppe vom Hof aus direkt in die Küche.
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Ein zweiter Weg durch die Wohnung
Die Dienstbotentreppe war gewissermaßen der Hintereingang innerhalb des Hauses. Über sie konnten Dienstmädchen, Köche, Hausangestellte oder Lieferanten von der Küche oder einem Wirtschaftstrakt in andere Geschosse gelangen. Die repräsentative Haupttreppe blieb dagegen den Bewohnern und ihren Gästen vorbehalten.
Das Prinzip lässt sich an den Grundrissen jener Zeit besonders gut erkennen. Die Dienstbotenräume lagen häufig in der Nähe von Küche, Speisekammer oder Bad und waren über einen separaten Zugang erreichbar. In Berliner Mietshäusern gab es dafür teilweise sogar einen eigenen Eingang vom Hof. Der Berliner Mieterverein beschreibt für die Zeit um 1900, dass Dienstmädchen in vielen Großstädten außerhalb der eigentlichen Wohnung untergebracht waren, während sie in Berlin häufig in den Wohnungen ihrer Arbeitgeber lebten und dort über solche Nebenzugänge vom übrigen Wohnbereich getrennt wurden.
Die Trennung war nicht nur eine Frage der Bequemlichkeit. Sie spiegelte die gesellschaftliche Hierarchie des bürgerlichen Haushalts wider. Die große, repräsentative Treppe gehörte zur Schauseite des Hauses; die kleinere Nebentreppe führte in die Arbeitswelt dahinter.
Wo waren solche Treppen verbreitet?
Besonders häufig findet man Dienstbotentreppen in größeren bürgerlichen Wohnungen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Berlin ist ein besonders anschauliches Beispiel, weil der Gründerzeit-Mietshausbau dort eine große Zahl solcher Grundrisse hervorgebracht hat. Auch herrschaftliche Villen und großbürgerliche Wohnhäuser besaßen eigene Personalwege. In einer Berliner Villa aus der Zeit um 1900 führte beispielsweise eine Spindeltreppe durch vier Geschosse und diente dem Hauspersonal dazu, sich schnell und unauffällig im Gebäude zu bewegen.
Das Prinzip war allerdings nicht auf Berliner Mietshäuser beschränkt. Es findet sich ebenso in großbürgerlichen Häusern, Villen und älteren Schloss- und Herrenhausanlagen. Historische Beispiele aus Österreich zeigen ebenfalls Dienstbotentreppen; dort gehörten getrennte Wege für Personal und Herrschaft ebenfalls zur Architektur größerer Häuser.
Nicht jede schmale Nebentreppe im Altbau ist allerdings automatisch eine Dienstbotentreppe. Sie kann auch als Wirtschaftstreppe, Lieferantenzugang oder einfache Verbindung zwischen Nebenräumen gedient haben. Der Grundriss des Hauses verrät meist mehr als die Bezeichnung.
Warum gibt es sie heute noch?
Viele dieser Treppen wurden bei späteren Umbauten nicht entfernt, weil sie Teil der historischen Konstruktion waren oder weiterhin einen praktischen Nutzen hatten. Andere verloren ihre ursprüngliche Funktion, als Dienstboten aus den bürgerlichen Haushalten verschwanden und Wohnungen neu aufgeteilt wurden.
Manche Nebentreppen führen heute innerhalb einer einzelnen Wohnung von der Küche zu einem weiteren Geschoss. Andere liegen außerhalb der Wohnung und erschließen mehrere Einheiten. Wieder andere enden nach einer späteren Grundrissänderung plötzlich vor einer Wand oder einer verschlossenen Tür. Gerade deshalb sollte man bei einer alten Dienstbotentreppe zunächst herausfinden, welche Funktion sie im heutigen Gebäude überhaupt noch hat.
Darf ich die Treppe als Mieter einfach benutzen?
Das hängt entscheidend davon ab, wo die Treppe liegt und was im Mietvertrag mitvermietet wurde. Ist der Dienstbotenaufgang Bestandteil der gemieteten Wohnung und gehört er damit zum vertragsgemäßen Gebrauch, spricht grundsätzlich nichts dagegen, ihn entsprechend zu nutzen. Der Mietvertrag bestimmt, welche Räume und Flächen dem Mieter zum Gebrauch überlassen sind. Nach § 535 BGB muss der Vermieter dem Mieter den Gebrauch der Mietsache gewähren.
Anders sieht es aus, wenn die Treppe zum Gemeinschaftsbereich des Hauses gehört. Dann kann ein Mieter sie nicht allein dadurch zu seiner privaten Wohnfläche machen, dass er eine Tür abschließt, Möbel aufstellt oder den Zugang dauerhaft verändert. Erst recht sollte er keine baulichen Veränderungen vornehmen, ohne dies mit dem Vermieter zu klären.
Eine alte Treppe darf außerdem nicht einfach als Lagerfläche behandelt werden. Wenn sie Bestandteil eines Rettungswegs ist, gelten besondere Anforderungen an ihre Nutzbarkeit und Freihaltung. Die konkreten Vorschriften ergeben sich aus der jeweiligen Landesbauordnung. In Bayern etwa muss bei Wohnungen grundsätzlich ein erster Rettungsweg über eine notwendige Treppe vorhanden sein; in Nordrhein-Westfalen gelten ebenfalls Anforderungen an erste und zweite Rettungswege.
Was darf der Eigentümer damit machen?
Auch als Eigentümer einer Wohnung kann man nicht automatisch mit jeder historischen Nebentreppe machen, was man möchte. Bei einer Eigentumswohnung ist zunächst zu klären, ob die Treppe zum Sondereigentum oder zum Gemeinschaftseigentum gehört. Das Wohnungseigentumsgesetz bestimmt, dass Gebäudeteile, die für den Bestand oder die Sicherheit des Gebäudes erforderlich sind oder dem gemeinschaftlichen Gebrauch dienen, nicht einfach Sondereigentum sein können.
Soll beispielsweise eine Tür versetzt, eine Treppe entfernt, ein Durchbruch geschaffen oder die historische Konstruktion verändert werden, kann deshalb die Zustimmung der Wohnungseigentümergemeinschaft erforderlich sein. § 20 WEG regelt bauliche Veränderungen am Gemeinschaftseigentum. Zusätzlich können je nach Bundesland eine Genehmigung der Bauaufsicht und bei einem Baudenkmal denkmalrechtliche Vorgaben hinzukommen.
Das gilt auch dann, wenn die Treppe heute scheinbar niemand mehr braucht. Aus einem architektonischen Relikt kann weiterhin ein wichtiger Bestandteil des Brandschutzes oder des Rettungswegs geworden sein. Bevor man eine solche Treppe verschließt, entfernt oder in Wohnfläche umwandelt, sollte deshalb geklärt werden, welche Funktion sie baurechtlich noch besitzt.
Vom Personalweg zum Bücherregal
Ist die Nutzung geklärt, eröffnet eine alte Dienstbotentreppe allerdings interessante Möglichkeiten für die Einrichtung. Gerade weil sie schmal und häufig etwas ungewöhnlich geschnitten ist, muss sie nicht zum Problem werden. Sie kann zu einer der eigenwilligsten Stellen einer Altbauwohnung werden.
Eine besonders naheliegende Lösung ist Stauraum. Unter einer Treppe können flache Regale, Schubladen oder maßgefertigte Schränke entstehen. Bei einer offenen Nebentreppe bietet sich auch ein schmales Bücherregal an. Wichtig ist nur, dass die Treppe selbst und eventuell notwendige Durchgänge frei bleiben.
Führt die Treppe von der Küche in ein anderes Geschoss, kann sie als funktionale Verbindung bewusst sichtbar bleiben. Statt sie mit Trockenbau zu verkleiden, lässt sich ihre historische Konstruktion betonen: alte Holzstufen, ein schmiedeeisernes Geländer oder abgetretene Stufen erzählen schließlich mehr über die Geschichte des Hauses als eine perfekt neue Oberfläche.
Eine kleine Treppe kann zum Gestaltungselement werden
Interior Designer würden aus einer solchen Treppe vermutlich nicht unbedingt ein möglichst unsichtbares Bauteil machen. Gerade die Abweichung vom perfekten Grundriss ist interessant. Eine schmale, gewendelte Treppe kann beispielsweise durch eine zurückhaltende Wandfarbe, eine kleine Wandleuchte oder einen durchgehenden Läufer stärker als eigener Bereich inszeniert werden.
Auch die Tür davor kann eine Rolle spielen. Eine alte Kassettentür, historische Beschläge oder eine bewusst schlicht gehaltene neue Tür können den Charakter des Altbaus aufnehmen. Bei einer offenen Treppe können einzelne Regalböden oder eine dezente Beleuchtung die Nische nutzen, ohne aus dem historischen Bauteil eine überladene Dekoration zu machen.
Wer den Kontrast mag, kann auch bewusst moderne Möbel und Leuchten mit der alten Treppe kombinieren. Eine historische Dienstbotentreppe muss nicht wie ein Museumsexponat behandelt werden. Gerade zwischen altem Holz, Patina und zeitgenössischen Elementen kann ein interessanter Übergang zwischen Baugeschichte und heutiger Wohnweise entstehen.
Nicht jede Treppe muss wieder eine Treppe sein
Bei einem Eigentümer, der die Wohnung umfassend saniert, liegt schließlich die Versuchung nahe, aus dem ungewöhnlichen Nebenraum möglichst viel zusätzliche Wohnfläche herauszuholen. Doch gerade hier sollte man vorsichtig sein. Eine Dienstbotentreppe kann Teil der historischen Grundrissstruktur, des Brandschutzes oder sogar eines Denkmalschutzkonzepts sein.
Die bessere Idee ist deshalb häufig nicht, sie verschwinden zu lassen, sondern ihre heutige Funktion neu zu interpretieren. Wo sie weiterhin gebraucht wird, bleibt sie ein Weg. Wo sie innerhalb der Wohnung liegt und baurechtlich keine wichtige Funktion mehr erfüllt, kann sie zum Stauraum, zur kleinen Bibliothek, zum Zugang zu einer Galerie oder schlicht zu einem charaktervollen Detail des Altbaus werden.
Die Dienstbotentreppe erzählt schließlich eine ungewöhnliche Geschichte des Hauses: Früher sollte sie Menschen möglichst unsichtbar durch die Wohnung führen. Heute darf sie im besten Fall genau das Gegenteil tun – und zeigen, wie ein Haus früher funktioniert hat. Gerade im Altbau ist das oft wertvoller, als jede noch so moderne Quadratmeteroptimierung.
